Ein Aspie und ein Praktikum

Ich habe mich endlich entschieden diesen Blog auch für seinen unsprünglichen Zweck zu nutzen.  Es fühlt sich eigenartig an, meine Gefühlswelt theoretisch mit der gesamten Menscheheit zu teilen(, zumindest mit denen, die über einen Internetanschluss und Deutschkentnisse verfügen).

In den letzten Wochen läuft mein Leben, wie in den Schienen einer Achterbahn. Viele Auf´s und Ab´s und der beängstigendende Looping steht mir noch bevor. Das Praktikum.

Um mein Studium erfolgreich abschließen zu könne, verlangt meine Hochschule von mir, dass ich noch ein Praktikum mache. Als ob ein erstes Praktikum und ein einjähriges Projekt nicht schon genug Arbeit in der Praxis mit Klienten wäre.

Ich hatte die Bewerbungen schon so lange ich konnte aufgeschoben, um mich vor drohenden telefonischen Absagen und möglichen Vorstellungsgesprächen zu schützen. Am Telefon mit fremden Menschen zu sprechen oder in einer beklemmenden Gesprächsituation über meine Stärken und Schwächen zu sprechen, sind zwei von den Dingen, die auf meiner Hass-Liste stehen. Ich schaffte es gerade mal 2 Bewerbungen persönlich zu übergeben, dann war ich so gestesst, dass ich  nur noch den Rest verheult und möglichst ungesehen  in die Briefkästen schmiss. Ich war so enttäuscht von mir und schämte mich für meine Schwäche, dass ich so kleine Aufgaben nicht wie Andere erledigen kann.

Zu meinem Glück sagten die meisten Institutionen per E-Mail ab oder haben bis heute nichts von sich hören lassen. (Ich erwarte immer noch Briefumschläge mit meinen Unterlagen und  vorformulierten unpersönlichen  Absagen) Nur eine Frau rief mich an und lud mich zum Gespräch ein. Das Telefonat meisterte ich gut (dabei stand ich mit einem gezwungenen Grinsen vor einem Spiegel, um meine Stimme fröhlicher klingen zu lassen), doch jetzt hieß es sich rausputzen, freundlich sein und für sich werden. Genauer gesagt, ich musste ungemüdliche schicke Kleidung tragen, lächeln, dem Anderen in die Augen sehen, sagen wie ich bin und was ich (nicht) gut kann. Angsteinflößend. Ich überlegte mir schon einmal ein paar vorgefertigte Antworten auf die gängisten Fragen und versuchte es so wirken zu lassen, als sei ich eine fleißige Studentin, für die ihr Studiengang genau das richtige ist und die es liebt den ganzen Tag mit Klienten zu arbeiten (was in Wirklichkeit eine dreiste Lüge ist).

Am Tag des Vorstellungsgesprächs fuhr ich mit dem Bus zu der Einrichtung, weil es leider zum Laufen zu weit war. Normalerweise vermeide ich das Busfahren, weil ich immer die Busse erwische, bei denen die Haltestellenanzeige nicht eingeschaltet ist und der Fahrer keine Durchsagen macht. Ich setzte mich voller Hoffnung und ihne Ortskentnisse in den Bus und wurde wieder einmal enttäuscht. Zusätzlich wurde ich noch mit einer Baustelle und einer Routenänderung bestraft. Die Stelle an der ich aussteigen wollte wurde gar nicht mehr angefahren und erst auf der Hälfte des Rückweges bemerkte ich den Fehler, stieg aus und lief doch den Rest zu Fuß.

Ich kam zu spät, konnte mich aber nicht dazu durchringen telefonisch Bescheid zu sagen und lief stattdessen schneller. So kam ich außer Atem und den Tränen nahe bei der Einrichtung an. Ich brauchte erst ein paar Minuten, in denen ich mich wieder fasste, bis ich hineinging.

Während des Gesprächs hatte ich das Gefühl mich in einen Wackel-Dackel verwandelt zu haben. Ja. und Das verstehe ich. in den unterschiedlichsten Variationen war das meiste was ich sagte und sagen musste.  Ich brauchte nicht viel zu sagen, nichts über mich, meine Stärken, oder Schwächen. Nur, warum ich mir gerade die Institution ausgesucht hatte. Den Rest der Zeit nutzte die Leiterin um mir die Einrichtung und ihre Arbeit dort vorzustellen. Das war mir zwar schon alles vorher bekannt, sonst hätte ich mich dort ja nicht beworben, aber solange sie redete, brauchte ich es nicht.  Ich bekam die Zusage, wurde herumgeführt und allen vorgestellt. Da traf mich gleich der nächste Hammer. Ich sollte nicht nur mit den vielen Klienten arbeiten, sondern auch mit 14 weiteren Mitarbeitern klar kommen, von denen ich bis jetzt nur einen Namen behalten konnte. So viele neue Menschen, Endrücke, Eigenarten, Situationen für Smalltalk und belanglose Gespräche. Müsste ich das Praktikum nicht machen, um meinen Bachelor zu kriegen, würde ich auf der Stelle noch anrufen und das Ganze absagen. Ich halte mich für ungeeignet für die Praxis und die tägliche Arbeit mit Menschen. Ich würde lieber ewige Studentin bleiben. Mein Leben nur mit Lernen zu füllen, wäre ein Traum. Ein Lernen ohne praktische Anwendung. Ein Lernen um des Lernens Willen.

Aber so sieht die Realität leider nicht aus. Schon morgen beginnt mein Praktikum. Es macht mich nervös und ich habe versucht alle Gedanken, die damit in Verbindung stehen aus meinem Kopf zu verbannen. Mit Erfolg, doch jetzt sich sie mit aller Wucht wieder da. Die Unsicherheit, die Ängste, die Aufgeregtheit, die Selbstzweifel…

Ich werde überrannt von all den negativen Emotionen. Das war der Anstoß für mich den Eintrag zu schreiben, der Welt schriftlich mitzuteilen, wie es mir geht, um es mir selbst begreiflich zu machen und versuchen etwas zu verändern…

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Weihnachtensmeltdown

Es sind die Weihnachtsfeiertage und die gesamte Familie ist zu uns einzuladen. Normalerweise habe ich den ersten Weihnachtstag immer für mich selbst und um mich für den zweiten Feiertag zu wappnen.
Diesmal nicht und ich hatte schon am Morgen das Gefühl alleine sein zu wollen.
Ich bat alle, mich alleine das Wohnzimmer für die Gäste herzurichten, was sie die meiste Zeit auch respektierten. So war ich zwar alleine, hatte aber aufgrund der vielen Arbeit, die ich noch zu erledigen hatte, Stress, bis es pünktlich zum Tee an der Tür klingelte.

Ich war total abgehetzt und entnervt, weil ich Probleme hatte unser kleines Zimmer für so viele Menschen umzubauen. Ich sagte allen, dass ich erst mal eine halbe Stunde bräuchte, um mich fertig zu machen, was auch alle verstanden, bis auf meine Schwester die mich zur Eile drängte. Ich nahm mir trotzdem Zeit und fühlte mich einigermaßen gewappnet für den Geräuschpegel, der schon zu mir hochschallte.
Doch ich hatte unterschätzt, wie laut und überfordernd 17 Menschen beim Kaffeetrinken sein können.

Ich hielt es eine Stunde durch, dann war fertig mit den Nerven. Alle redeten durcheinander und in unangenehm hohen Stimmen.  Ich hielt es dort keine Minute länger aus, entschuldigte mich unter einem Vorwand und rannte fast in mein  Zimmer.

Ich ließ das Licht aus und krümmte mich auf dem Bett neben meiner Katze zusammen. Ich genoss die Dunkelheit und die Stille (durch die Ohrenstöpsel). Ich vergrub meine Finger in Mio’s Fell und Tränen liefen in die Bettdecke. Dadurch wurden die Kopfschmerzen zwar nicht besser aber mein Hals zog sich nicht mehr zu eng zusammen. 

Ich fühlte mich elend. Es dauerte lange, bis die Tränen versiegten, aber meine Augen waren rot und schmerzten. So schnell konnte und wollte ich nicht wieder zu den Gästen gehen. Ich lenkte mich mit meinen Büchern ab und war erst wieder ansehnlich, als die meisten sich verabschiedeten.
Schweren Herzens begab ich mich nach unten und half beim Aufräumen. Zu meiner Überraschung verstand meine Mutter meine Situation und keiner verlor ein schlechtes Wort über meine Abwesenheit.